Eine Frage taucht bei fast jeder Führung auf, meistens gestellt von einem siebenjährigen Kind: Welcher Dinosaurier war der klügste? Die kurze Antwort lautet vermutlich Troodon, ein Fleischfresser von der Größe eines großen Hundes mit einem im Verhältnis zum Körper ungewöhnlich großen Gehirn. Die längere Antwort ist viel interessanter. Denn sie zwingt uns zu einer unbequemen Einsicht: Schon bei lebenden Tieren lässt sich Intelligenz nur schwer genau messen. Bei einem Tier, das seit 66 Millionen Jahren tot ist, bleibt nur die Schlussfolgerung aus Knochen.
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ToggleWas wir haben, sind Schädel. Ein gut erhaltener Schädel bewahrt die Form des Hohlraums, in dem das Gehirn lag. Früher wurde dieser Raum mit Gips ausgefüllt, heute nutzt man Computertomografie. So erhalten Paläontologen einen Endokranialausguss, ein dreidimensionales Abbild des Gehirnvolumens. Danach beginnen Vergleiche, Schätzungen und Diskussionen.
In diesem Artikel erfahren Sie, wie die Intelligenz eines Dinosauriers eingeschätzt wird, welche Arten im Ranking vorn liegen, wie sie im Vergleich zu heutigen Krokodilen oder Krähen abschneiden und was die Forschung inzwischen über eine der bekanntesten Filmszenen sagt: die koordinierte Rudeljagd der Raptoren. Gerade dieser letzte Punkt hat sich in den vergangenen fünfzehn Jahren stark verändert.
Wie misst man die Intelligenz eines ausgestorbenen Tieres?
Die reine Gehirngröße sagt wenig aus. Ein Pottwal besitzt das größte Gehirn der Erde und schreibt trotzdem keine Gedichte. Wissenschaftler nutzen deshalb den Enzephalisationsquotienten, kurz EQ. Er vergleicht die tatsächliche Gehirngröße eines Tieres mit der Größe, die bei seinem Körpergewicht innerhalb seiner Tiergruppe zu erwarten wäre. Ist das Gehirn größer als erwartet, steigt der EQ. Ist es kleiner, sinkt er.
Bei Dinosauriern wird der EQ anhand heutiger Reptilien berechnet. Ein Wert von 1 bedeutet: genau die Gehirngröße, die man bei einem Reptil dieses Gewichts erwarten würde. Über 1 bedeutet ein relativ großes, unter 1 ein relativ kleines Gehirn. Das Verfahren ist nützlich, hat aber einen Haken: Das Körpergewicht muss möglichst genau bekannt sein. Dinosaurier werden jedoch anhand von Knochen und Modellen gewogen, nicht auf einer Waage. Ein Fehler von 30 Prozent beim Gewicht verschiebt den gesamten EQ.
Ein weiteres Problem kommt hinzu. Bei vielen Dinosauriern füllte das Gehirn den Schädelraum nicht vollständig aus. Ein Teil war von Gewebe und Hohlräumen besetzt. Bei heutigen Krokodilen nimmt das Gehirn ungefähr die Hälfte des verfügbaren Raums ein, bei Vögeln fast den gesamten. Dinosaurier liegen dazwischen. Welche Gehirnfüllung man annimmt, verändert das Ergebnis deutlich und ist einer der Hauptgründe für unterschiedliche Studienwerte.
In den vergangenen Jahren ist ein neuer Ansatz hinzugekommen: die Schätzung der Neuronenzahl statt nur des Volumens. Eine viel diskutierte Studie von 2023 schlug vor, dass manche großen Theropoden eine vogelähnliche Neuronendichte besaßen und damit zu erstaunlichen geistigen Leistungen fähig gewesen sein könnten. Viele Paläontologen reagierten vorsichtig, weil die Berechnung von mehreren aufeinander aufbauenden Annahmen abhängt. Die Debatte ist noch nicht abgeschlossen, und das ist auch gut so.
Das Ranking: Welche Dinosaurier hatten das am weitesten entwickelte Gehirn?
Mit allen genannten Vorbehalten ergibt sich in der Fachliteratur immer wieder eine ähnliche Reihenfolge:
- Troodon. Der traditionelle Spitzenreiter. Er war rund 2 Meter lang, wog etwa 50 Kilogramm und hatte einen geschätzten EQ, der fünf- bis sechsmal so hoch war wie bei einem gleich großen Reptil. Große, nach vorn gerichtete Augen ermöglichten räumliches Sehen, und seine Hände konnten greifen. Er lebte vor rund 75 Millionen Jahren in Nordamerika.
- Deinonychus. Der Dromaeosaurier, der die Film-„Raptoren“ inspirierte. Etwa 3 Meter lang und 70 Kilogramm schwer, mit einem deutlich über dem Dinosaurierdurchschnitt liegenden EQ und einem anspruchsvollen Jagdverhalten.
- Velociraptor. Kleiner als sein Verwandter, ungefähr 2 Meter lang und 45 Kilogramm schwer, aber mit einem ebenfalls hohen Verhältnis von Gehirn zu Körper. Er zeigt besonders gut, dass Größe und Intelligenz nicht dasselbe sind.
- Oviraptor und seine Verwandten. Relativ große Gehirne, fossile Belege für Brutpflege durch auf Nestern sitzende Erwachsene und eine flexible Ernährung. Ihr Verhalten war komplex und nicht nur von Rechenleistung abhängig.
- Tyrannosaurus rex. Für viele überraschend: Sein EQ war für ein sieben Tonnen schweres Tier bemerkenswert hoch. Hinzu kamen große Riechkolben und gutes räumliches Sehen. Er erreichte nicht Troodons Niveau, war aber alles andere als dumm.
Am anderen Ende stehen große Sauropoden und Stegosaurier mit winzigen Gehirnen im Verhältnis zu ihren tonnenschweren Körpern. Daher stammt der Mythos vom „walnussgroßen Gehirn“ des Stegosaurus. Ganz falsch ist er nicht: Sein Gehirn wog etwa 80 Gramm bei einem Körpergewicht von mehr als zwei Tonnen. Das macht ihn nicht zum evolutionären Versager. Ein gepanzerter Pflanzenfresser, der grast und sich verteidigt, muss keine komplizierten Probleme lösen. Er muss fressen und am Leben bleiben, und dafür reichte sein Gehirn aus.
▸Ein Muster zieht sich durch die gesamte Liste: Die Dinosaurier mit dem höchsten EQ waren kleine, bewegliche Fleischfresser, genau jene Gruppe, aus der später die Vögel hervorgingen. Bewegliche Beute zu verfolgen, die ausweicht und sich versteckt, verlangt mehr Verarbeitung als Blätter von einem Farn abzureißen. Intelligenz entstand dort, wo sie gebraucht wurde.
Im Vergleich zu heutigen Tieren
Hier sollte man die Erwartungen dämpfen. Kein Nichtvogeldinosaurier erreichte vermutlich die geistigen Fähigkeiten eines Schimpansen oder Delfins. Troodon lag aber wahrscheinlich über jedem heutigen Reptil und ungefähr im Bereich weniger spezialisierter Vögel wie Hühner oder Tauben. Ein Krokodil mit einem EQ nahe 1 liegt deutlich darunter, obwohl auch Krokodile komplexe Verhaltensweisen zeigen: Sie können bei der Jagd zusammenarbeiten und Zweige als Köder einsetzen.
Der eigentliche Vergleich befindet sich jedoch anderswo. Rabenvögel und Papageien, also Krähen, Elstern und Aras, sind direkte Nachfahren dieser Linie und übertreffen jeden bekannten ausgestorbenen Dinosaurier deutlich. Sie stellen Werkzeuge her, planen voraus und erkennen sich im Spiegel. Anders gesagt: Der intelligenteste Dinosaurier der Geschichte steht nicht im Museum. Er sitzt auf einer Stromleitung und beobachtet Sie beim Essen.
Jagten sie wirklich im Rudel?
Hier gehen Film und Wissenschaft auseinander. Die Idee entstand 1964, als der Paläontologe John Ostrom in Montana die Überreste mehrerer Deinonychus zusammen mit dem Skelett eines wesentlich größeren Tenontosaurus fand. Die erste Deutung lag nahe: Eine koordinierte Gruppe hatte gemeinsam eine große Beute erlegt. Dieses Bild veränderte unser Verständnis von Dinosauriern und fand später den Weg ins Kino.
Seit 2007 wurde diese Interpretation zunehmend relativiert. Untersuchungen heutiger Räuber zeigen, dass echte kooperative Jagd außerhalb von Säugetieren und wenigen Vogelarten sehr selten ist. Bei Reptilien ist eher ein ungeordnetes Zusammentreffen üblich: Mehrere Tiere erscheinen an derselben Beute, greifen ohne klaren Plan an und streiten häufig untereinander um das Fleisch. Auch dadurch würden Knochen mehrerer Deinonychus neben einem Tenontosaurus liegen. Es würde außerdem erklären, warum manche Deinonychus-Knochen Bissspuren der eigenen Art tragen.
2020 folgte das stärkste Gegenargument. Eine Untersuchung von Kohlenstoffisotopen in den Zähnen unterschiedlich alter Deinonychus zeigte, dass Jungtiere und Erwachsene unterschiedliche Nahrung fraßen. Bei Tieren, die in strukturierten Rudeln jagen, füttern Erwachsene den Nachwuchs und die Gruppe teilt eine ähnliche Ernährung. Wenn Jungtiere selbstständig fraßen, gehörten sie offenbar nicht zu einer solchen Einheit.
Der heutige Konsens liegt zwischen den Extremen und wirkt realistischer: Dromaeosaurier waren soziale Tiere, tolerierten einander und trafen wahrscheinlich gemeinsam an Beute ein. Von dort bis zur berühmten Küchenszene mit drei Raptoren, die einen ausgefeilten Plan ausführen, ist es jedoch ein großer Sprung, den die Belege nicht tragen. Weniger beeindruckend waren sie deshalb nicht. Ein ungeordneter Gruppenangriff auf ein viermal größeres Tier ist immer noch außergewöhnlich.
Häufig gestellte Fragen zur Intelligenz der Dinosaurier
Welcher Dinosaurier war der intelligenteste?
Troodon gilt als der wahrscheinlichste Kandidat. Er hatte den höchsten bekannten Enzephalisationsquotienten unter den Nichtvogeldinosauriern, etwa fünf- bis sechsmal höher als bei einem gleich großen Reptil. Dazu kamen räumliches Sehen und greiffähige Hände.
War Velociraptor wirklich intelligent?
Ja, er gehörte zu den Dinosauriern mit dem besten Verhältnis von Gehirn zu Körper. Das Niveau aus den Filmen erreichte er jedoch nicht: Er öffnete keine Türen und löste keine geplanten Aufgaben. Seine Fähigkeiten lagen eher im Bereich eines wenig spezialisierten heutigen Vogels.
Wie lässt sich die Gehirngröße eines Dinosauriers bestimmen?
Mit Endokranialausgüssen, also Modellen des Schädelinneren, die heute per Computertomografie erzeugt werden. Das Volumen wird mit einer Schätzung des Körpergewichts kombiniert, um den Enzephalisationsquotienten zu berechnen.
Jagten Dinosaurier im Rudel?
Es gibt Hinweise auf Sozialverhalten und auf mehrere Tiere an derselben Beute. Neuere Studien sprechen aber eher für ungeordnete Gruppenangriffe als für eine koordinierte Jagd wie bei Wölfen. Die Frage ist noch nicht abschließend geklärt.
War Stegosaurus dumm?
Sein Gehirn war im Verhältnis zum Körper sehr klein und wog etwa 80 Gramm. Ein größeres Gehirn brauchte er vermutlich nicht. Als gepanzerter Pflanzenfresser musste er keine komplexen Probleme lösen.
Gibt es heute noch intelligente Dinosaurier?
Ja. Vögel sind Dinosaurier, und Krähen oder Papageien übertreffen jeden bekannten ausgestorbenen Dinosaurier. Sie stellen Werkzeuge her, planen und lösen mehrstufige Aufgaben.
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Im Dinosaurland können Sie den beiden Hauptfiguren dieser Geschichte in Lebensgröße gegenüberstehen und etwas erkennen, das ein Artikel kaum vermittelt: wie klein und beweglich sie tatsächlich waren. Lesen Sie das vollständige Profil des Velociraptor mit seiner echten Größe und seinen Federn sowie das des Deinonychus, des größeren Verwandten, den das Kino zum bekannten Raptor machte.
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